Ratgeber · Fachkräftemangel

Fachkräftemangel im Handwerk: Was Betriebe konkret tun können

Gute Fachleute im Handwerk haben heute mehr Angebote, als sie annehmen können. Die Zahl der Erwerbstätigen sinkt, die Nachfrage nach handwerklichen Leistungen steigt. Wer auf Besserung wartet, wartet vergeblich.

Der Markt hat sich gedreht

Früher haben Betriebe Stellen ausgeschrieben und aus Bewerbungen ausgewählt. Heute wählt die Fachkraft aus, und der Betrieb bewirbt sich. Stellenanzeigen erreichen nur Menschen, die aktiv auf Jobsuche sind. Im Handwerk sind das immer weniger. Die wirklich guten Leute sind beschäftigt und wechseln nur, wenn das neue Angebot deutlich besser ist als ihre aktuelle Situation.

Hinzu kommt der demografische Wandel. Die geburtenstarken Jahrgänge gehen in den nächsten Jahren in Rente. Gleichzeitig interessieren sich weniger junge Menschen für handwerkliche Berufe. Das Verhältnis von offenen Stellen zu verfügbaren Fachkräften verschlechtert sich weiter. Betriebe, die heute schlecht aufgestellt sind, werden es morgen schwerer haben, nicht leichter.

Die teuerste Stelle ist die, die neu besetzt werden muss

Recruiter und Stellenbörsen kosten Geld. Einarbeitung kostet Monate. Fehler in der Probezeit kosten Nerven und Aufträge. Eine frei werdende Stelle im Handwerk kostet einen Betrieb nach konservativen Schätzungen mehrere tausend Euro, wenn man Suche, Einarbeitung und entgangene Produktivität zusammenrechnet.

Wer Mitarbeitende hält, die er hat, braucht weniger einzustellen, bekommt mehr Empfehlungen aus der eigenen Belegschaft und ist als Arbeitgeber glaubwürdiger. Fluktuation ist der teuerste Kostenfaktor in der Personalplanung, und der am wenigsten sichtbare.

Was Mitarbeitende zum Bleiben bringt

Gehalt muss stimmen, reicht allein aber nicht. Was langfristig hält, ist schwerer zu greifen:

  • Wertschätzung: das Gefühl, dass die eigene Arbeit gesehen und anerkannt wird
  • Führung: ein Vorgesetzter, der klar kommuniziert und fair entscheidet
  • Kollegialität: ein Team, auf das man sich verlassen kann
  • Entwicklung: das Gefühl, nicht stillzustehen
  • Verlässlichkeit: Zusagen, die eingehalten werden

Diese Faktoren klingen selbstverständlich. In der Praxis scheitern viele Betriebe an genau ihnen, weil sie nicht systematisch gemessen werden. Was nicht gemessen wird, wird auch nicht verbessert.

Die meisten Betriebe wissen nicht, wie sie in diesen Punkten bei ihrer Belegschaft abschneiden. Mitarbeitende sagen es dem Chef selten direkt. Wer fragt, bekommt meistens ein höfliches „passt schon". Wer anonym fragt, bekommt die Wahrheit.

Wie Bewerber heute entscheiden

Bevor jemand auf eine Stellenanzeige reagiert, googelt er den Betrieb. Er liest, was ehemalige Mitarbeitende auf Kununu schreiben. Er fragt Bekannte. Er schaut sich die Website an. Er beurteilt, ob der Betrieb wie ein Ort wirkt, an dem man gerne arbeitet.

Zufriedene Belegschaften reden positiv über ihren Arbeitgeber, im Freundeskreis, bei Fachkollegen, in Bewertungsportalen. Dieser Effekt lässt sich nicht kaufen. Er entsteht nur, wenn die Substanz stimmt. Und er ist der günstigste Recruitingkanal, den ein Betrieb haben kann.

Betriebe mit guten Bewertungen bekommen mehr Initiativbewerbungen, erhalten qualifiziertere Bewerber und zahlen weniger für Stellenanzeigen. Der Unterschied zwischen einem Betrieb mit 3,2 und einem mit 4,4 Sternen auf Kununu ist im Recruiting erheblich.

Was konkret zu tun ist

Fachkräftemangel lässt sich nicht mit einer Maßnahme lösen. Aber es gibt einen logischen ersten Schritt: verstehen, was im eigenen Betrieb wirklich läuft.

Eine anonyme Mitarbeiterbefragung macht sichtbar, wo es hapert und wo der Betrieb bereits gut aufgestellt ist. Sie ist keine Kritik am Inhaber, sondern eine Bestandsaufnahme. Wer weiß, wo er steht, kann gezielt handeln. Wer es nicht weiß, verbessert ins Blaue.

Betriebe, die regelmäßig befragen und die Ergebnisse ernst nehmen, berichten von sinkender Fluktuation, weniger Krankenstand und mehr Initiativbewerbungen. Der Aufwand für die Befragung ist überschaubar. Der Aufwand für ungeplante Neubesetzungen ist es nicht.

Warum Abwarten keine Strategie ist

Viele Betriebe warten darauf, dass sich der Markt entspannt. Das wird er in absehbarer Zeit nicht tun. Die Rentenwelle steht noch bevor, nicht dahinter. Die Anzahl der Handwerksauszubildenden stagniert seit Jahren. Internationale Fachkräfte können eine Lücke verkleinern, aber nicht schließen.

Betriebe, die jetzt in ihre Arbeitgeberqualität investieren, bauen einen Vorsprung auf, den sie in den nächsten Jahren brauchen werden. Nicht als Selbstzweck, sondern weil ein guter Betrieb Aufträge abwickeln kann, die ein schlechter aufgestellter Betrieb ablehnen muss.

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